1926 : Blutiger Sonntag in Colmar

Am 22. August 1926 sollten sich die Autonomisten zu einem Treffen im Salle des Catherinettes in Colmar versammeln (Foto). Diese Veranstaltung war von der Präfektur genehmigt worden. Polizei, Gendarmerie und Armee waren mit der Aufrechterhaltung des Ordnungsdienstes beauftragt. Es gab keine Überwachung des Bahnhofs, von dem aus zahlreiche Demonstranten und Gruppen von pro-französischen Veteranen, Faschisten und bewaffneten Royalisten ankamen, die gekommen waren, um Autonome zu zerschlagen. Der ganze Nachmittag war mit Gewalt gefüllt.

Die Bilanz: zahlreiche Verletzte, elf Festnahmen, darunter vier Verurteilungen von Autonomisten zu fünf Tagen Gefängnis mit Bewährung wegen Beleidigung der Ordnungskräfte. Gustave Keppi soll gesagt haben: « Pfui les flics. Dies lässt vermuten, dass die sieben Freigelassenen Faschisten waren, wahrscheinlich dank der Intervention des Präfekten Gasser, der Schlägertrupps kommen ließ, oder von Alfred Wallach, dem Vorsitzenden der freiwilligen Wehrdienstleistenden des Haut-Rhin. Wallach hatte 1928 die « Elsässische Gruppe für nationale Verständigung » gegründet, die gegen die Autonomisten kämpfen sollte.

Gestern sollte in Colmar eine Protestversammlung gegen die Sanktionen, die gegen die Unterzeichner des Heimatbundes verhängt wurden, stattfinden. An der Versammlung nahmen neben der Heimatbundpartei auch die Volkspartei und die Kommunistische Partei teil.

Es war abzusehen, dass diese Demonstration eine Gegendemonstration hervorrufen würde und dass in der Folge schwere Zwischenfälle zu befürchten wären. Dank der Ruhe und des gesunden Menschenverstandes unserer Bevölkerung, die nicht so revolutionär ist, wie manche Zeitungen glauben machen wollen, konnten schwere Zwischenfälle vermieden werden. Wenn es zu Gewalt und Provokationen kam, sollte man dies nicht den friedlichen Menschen anlasten, die gekommen waren, um Rednern zuzuhören und ihre Meinung frei zu äußern. Wir wollen hier nur die Ereignisse schildern.

Die Versammlung war für halb drei Uhr nachmittags angesetzt. Der Gemeinderat hatte zu diesem Zweck den Saal der Catherinettes zur Verfügung gestellt. Die Behörden hatten die Demonstration genehmigt und gleichzeitig Maßnahmen ergriffen, indem sie die gesamte Gendarmerie und die Polizei aufgestellt hatten. Alle Truppen der Garnison waren unter Arrest gestellt worden. Gegen ein Uhr kam mit dem Mulhouse-Express eine Gruppe von Faschisten an, die sich mit einer Gruppe von Royalisten vereinigt hatte, da die beiden antagonistischen Parteien ihre Familienfehden für einen Tag vergessen wollten. Beim Verlassen des Bahnhofs geriet ein einzelner Reisender zufällig in ihre Mitte und wurde sofort umringt, geschubst und mit Schlagstöcken traktiert. Bei der Person handelte es sich um Dr. Ricklin, der erkannt worden war. Ein junger Mann, der Zeuge dieser unschönen Szene wurde, wollte protestieren, aber es kam anders: Er wurde ebenfalls von etwa 50 Personen mit Ochsenziemern und Gummibändern angegriffen. Er verteidigte sich würdevoll und nur das Eingreifen eines faschistischen Anführers konnte ihn vor noch schlimmeren Gewalttaten bewahren. Er war ein Kraut, hieß es. Später musste man feststellen, dass man es mit einem Mann aus Mulhouse zu tun hatte, der aus privaten Gründen nach Colmar gekommen war und das Pech hatte, diese unangenehme Begegnung zu haben. Augenzeugen berichteten, dass die Polizei zu diesem Zeitpunkt völlig abwesend war, die jedoch die Ankunft der Faschisten und Royalisten nicht ignorierte.

Bereits um 1 Uhr war die Umgebung des Catherinettes-Saals von Royalisten und Faschisten besetzt worden. Diese hatten sich vorgenommen, die Versammlung des Heimatbundes zu verhindern. Nach und nach trafen immer mehr Demonstranten ein und als ihnen der Eingang zum Saal, in dem die Versammlung stattfinden sollte, versperrt wurde, sammelten sie sich entlang der Rue de la République und der Rue Kléber. Einige rechtschaffene Bürger versuchten, in den Saal einzudringen, wurden aber von den Besetzern auf brutalste Weise zurückgedrängt. Einige Szenen schmerzhafter Gewalt mussten beobachtet werden und führten zu Protesten der Menge. Mehrere Zusammenstöße zwischen Faschisten und Demonstranten konnten von der Polizei nicht verhindert werden. Die Kavallerie musste die Straße freigeben und trennte so die verschanzten Gegner in zwei deutlich voneinander getrennte Lager; die Rufe Vive la France und vive l’Alsace wurden aus den jeweiligen Lagern gerufen, die Royalisten und die Faschisten stimmten die Marseillaise an; die Demonstranten sangen ihrerseits: O Strasbourg, O Strasbourg. Die Polizei hatte in diesem Moment nicht mehr viel zu tun, abgesehen von einigen kleinen Zwischenfällen, die zu zwei oder drei Verhaftungen ohne ernsthafte Gründe führten. Nach zwei Stunden des Protests zogen sich die Demonstranten nach und nach zurück. Die Mitglieder des Heimatbundes begaben sich in den Garten des St. Martin-Kreises, um dort ihre Versammlung abzuhalten. Die Kommunisten versammelten sich in der Brauerei Molly. Die Gendarmerie besetzte sofort den Eingang, um Zusammenstöße zwischen der einen und der anderen Seite zu vermeiden.

Bald füllten Demonstranten den Hof des St.-Martins-Kreises. Dr. Ricklin hielt eine Ansprache und protestierte energisch gegen die Gewalt, der er zum Opfer gefallen war, und forderte das Recht auf freie Meinungsäußerung für alle. Anschließend sprach er über das Autonomieprogramm und das Ziel, das seine Anhänger verfolgen. Anschließend ergriffen weitere Redner das Wort, darunter Professor Rossé, der eine Resolution gegen die Sanktionen verabschiedete.

Nach dem Verlassen der Versammlung versammelten sich die Demonstranten in der großen Allee der Avenue Joffre. Dort kam es erneut zu einigen Zwischenfällen zwischen Royalisten und Kommunisten. Die berittene Gendarmerie musste eingreifen und drängte die Demonstranten mehrmals zurück.

Die Bilanz des Tages: 18 Festnahmen, von denen 12 aufrechterhalten wurden, einige Verletzte, die sich im Krankenhaus behandeln lassen mussten. Darunter ein Gendarm, der bei einem Sturz vom Pferd einen Armbruch erlitten hatte.

Der Blutiger Sonntag in Colmar gehört zu den zehn blutigen Sonntagen in der ganzen Welt. Er wird von Frankreich völlig verschwiegen. Man kann höchstens lesen: « Am 26. August 1926 machen die Autonomisten den Faustschlag gegen die Patrioten ».

Mehrere Autonomisten-Kommunisten, darunter Keppis Bruder, waren wegen Beleidigung der Polizei verhaftet worden. Vier von ihnen blieben in Haft und wurden vorgestern Montag vor dem Strafgericht angeklagt. Es handelt sich um Keppi Gustave, 29 Jahre alt, wohnhaft in Mulhouse, rue de Thann; Steib Eugène, 19 Jahre alt, wohnhaft 27 rue de la Fecht in Colmar; Mehlen Emile Emile, Arbeiter, wohnhaft in Munster und Murbach Adolphe, Arbeiter, wohnhaft in Sundhoffen, die alle dem kommunistischen Clan angehörten.

Sie wurden von Rechtsanwalt Kraeling von der Anwaltskammer in Mulhouse verteidigt, der bereits am Sonntagabend von Rossé in aller Eile angerufen worden war.

Me Dreyfus, der den Sitz der Staatsanwaltschaft innehatte, forderte in einem sehr strengen Plädoyer das Gericht auf, sie zu einer Gefängnisstrafe zu verurteilen.

Rechtsanwalt Kraehling plädierte auf Nachsicht und erklärte unter anderem, dass es bei solchen Demonstrationen unmöglich sei, die Urheber der Beleidigungen häufig festzunehmen. Das Strafgericht verurteilte die vier Demonstranten zu fünf Tagen Gefängnis ohne Bewährung.

Im Verlaufe der Manifestationen vor dem Katharinengebäude und der Brauerei Molly wurden im Ganzen acht Verhaftungen vorgenommen, wovon vier aufrechterhaltenworden sind. Die vier Verhafteten wurden bereits gestern vormittag vor die hiesige Ferienstraftkammer gestellt, um wegen Beleidigung der Gendarmerie in Ausübung ihres Dienstes abgeurteilt zu werden. Es sind dies : Keppi Gustave, 29 Jahre alt, Buchhändler in Mülhausen, Steib Eugène, 19 Jahre alt, Tagner aus Colmar, Mehlen Emile, 33 Jahre alt, Maurer in Colmar und Murbach Adolphe, 24 Jahre alt aus Sundhoffen.

Bei beginn der Sitzung erhob sich der Staatsanwalt, herr Dreyfus, um die Gendarmerie und Polizei zu ihrer Haltung zu beglückwünschen, die, wie er ausführte, durch ihr tatkräftiges Einschreiten grösseres Unheil verhütet habe. Bezüglich der angeklagten widersetzte er sich der provisorischen Haftenlassung.

Auf die Frage des Präsidenten, ob sie sofort abgeurteilt zu werden wünschten, gaben sie, im Hinblick auf die Anwesenheit ihres Verteidigers, Me Kraehling, hierzu ihr einverständnis.

Beim Verhör gab der Angeklagte Keppi zu, beim Eintreffen der berittenen gendarmerie die Ausdrücke « Pfui les flics ! » gebraucht zu haben. Er will dies jedoch nur getan haben, weil er der Ansicht gewesen sei, dass die Gendarmen eine Attacke gegen die autonomistischen Manifestantten reiten wollen. Wenn er gewusst hätte, dass sie lediglich die Ordnung aufrecht erhalten wollten, hätte er sich dieser Ausrufe enthalten, die er bedaure.

Die Angeklagten Steib und Murbach geben zu, ebenfalls wenig schmeichelhafte Ausdrücke benutzt zu haben, doch seien diese nicht an die Adresse der Gendarmerie gerichtet gewesen.

Der Angeklagte Mehlen, Vater von fünf Kindern, stand unter der Anklage, bei der Brauerei Molly den Gendarmerie-Capitaine beleidigt zu haben. Er bestreitet die ihm zur Last gelegten Ausdrücke und will lediglich gesagt haben, der Gendarm – er habe angeblich nicht gewusst, dass es sich um einen Offizier handelt – solle seiner Befehle auf elsässich erteilen, damit ihr alle Leute verstehen.

Der Staatsanwalt verlangte kutz und bündig die Anwendung des Strafgesetzes. Me Kraehling gab sich redlich Mühe, das Vergehen seiner Klienten in miderem Lichte erscheinen zu lassen. Er verlangte für zwei einen Freispruch, während er für die Beiden anderen auf die Verhängung einer Mindeststrafe plädierte. Darauf zog sich das Gericht zur Beratung zurück. Das Urteil. Einige Minuten später erschien es wieder, um zu verkünden, dass die vier Angeklagten zu je fünf Tagen

Laisser un commentaire