8/12/1918: Vertreibung von Elsässern aus Colmar

Eine der wenigen zuverlässigen Quellen über den Krieg 1914/18 in Colmar ist das deutschsprachige Tagebuch von Elisabeth Esther Lévy. Auf fast 1800 Seiten berichtet sie über die Schwierigkeiten der Einwohner, die Knappheit und die Kleinlichkeit der Verwaltung, aber auch über die Bombardierung der Zivilbevölkerung durch die französische Luftwaffe. Obwohl sie frankophil war, störte Elisabeth Levy, weil sie die Ungerechtigkeiten, die den Deutschen angetan wurden, nicht ertragen konnte. Oft verwendet, ist ihr Tagebuch ein Tabu. Einige Autoren ziehen es vor, als schwer überprüfbare Quelle den Elsässer Kurier anzugeben.

So herrlich und erhaben der festige Abend war, so tief traurig sah der heutige Tag. Als Überschrift könnte man schreiben : «Warum hassen sich die Menschen so sehr ?» Als Ursache kann ich meistens hier nur die Unmenschliche Militärdiktatur bezeichnen, die während des Krieges im Elsaß gehaust. Jetzt, da die Bewohner befrei, kennt ihre Empörung und ihr Hass keine Grenzen mehr. Leider müssen Unschuldige darunter Leiden.

Gegen 11.30 Uhr ging ich zum katholischen Vereinshause am St Peterwall. Als ich ankam befand sich schon eine große Menschenmenge dort. Man erwartete nämlich die Ausgewiesenen, Altdeutsche, die etwas auf dem Kerbholz hatten. Es waren ungefähr 40 notiert. Sobald welche erschienen, wurden sie von dem Pöbel mit Schimpfworten empfangen. Die Leute sahen blass und angegriffen aus. Einige Damen waren sehr altfränkisch angezogen. Wäre die Situation nicht so traurig gewesen, man hätte lächeln mögen. Aber heute schnürte sich mein Herz zusammen.

Fünf Camions standen bereit. Das Gepäck wurde durchsucht, ebenso die Taschen. Gegen zwei Uhr wurde «eingestiegen», das heißt, es wurde eine Leiter an den Wagen gestellt, und so konnten die Reisenden hinaufsteigen.

Ich erkannte Senatspräsident Levy mit Frau und Tochter, Rechtsanwalt Kiefer und Frau, Herrn Schön und Frau, Lehrer Stüffel, ein Spion, der mich anno 1914 denunzierte, ich hätte bei Verteilung von Liebesgaben die Franzosen den Deutschen vorgezogen, was eine dicke Verleumdung war. Wer ihn ausgewiesen hat, weiß ich nicht, ich habe gegen niemanden Schritte unternommen. Besonders verhöhnt wurde Frau Rechtsanwalt K… die am Arm ihre Mutter durch die aufgeregte, fanatisierte Menge schritt. Fürwahr, eine bitterer Gang für eine Mutter, ihr Kind durch ein Kreuzfeuer ins Exil zu führen. Herr und Frau K… sollen an der Verbannung von Rechtsanwalt, B… schuld sein, was nicht wahr ist. Am Hoftor des katholischen Vereinshauses sagte Frau M… in aufgeregtem Ton zu Herrn B. «Sie sind schuld an dem Unglück meines Kindes !». Ich vernahmt die Worte «Wenn sie nicht stille sind, müssen Sie auch noch fort !». Ich war empört über diese Worte. Für einen gebildeten Mann waren sie deplatziert, aber gegenwärtig waltete nicht die Ruhe, die Einsicht und Vernunft, sondern nur Rachegefühle, sei es gegen Elsässer oder Altdeutsche. Mme M…, diese schmerzerfüllte Mutter müssen die Worte, die an sie gerichtet wurden, tief getroffen haben. Sie war die Tochter eines französischen Maire, der für seine republikanischen Ideen von Gambetta einen Brief voller Lob erhalten hatte. Herr B… war deutscher Offizier der Reserve.

Unter den Ausgewiesenen befand sich auch Frau Diefenbach, Gattin des früheren Bürgermeisters von Colmar.

Als die Ausgewiesenen eingestiegen waren, führen die Lastautos durch die Rufacherstraße, Schlüßelstraße, Vaubanstraße gegen Horburg an der Rhein. Bei Alt-Breisach wurde Haltgemacht. Hinter dem Wagen lief der aufgeregte Pöbel nach und rief : «Boches, noch nüss !». Kein Wort des Bedauern hörte man. Auf meine Bemerkung, dass man nicht Böse mit Bösem vergelten soll und dass mich die Leute dauern, bekam ich zum Antwort : «Uns han se welle am 15. November mit am e Bendele fortschecke un mer ware nem heim komme. Die derfe noch Autos fahre und noch meh metnamma , as sie gebrocht han.» Das mit der Räumung des Ober-Elsaß stimmt vollständig. Ich habe schon erwähnt, was mit eine junge Dame mitgeteilt, dass sie die Akten in Händen habe, wonach jeder Elsäßer, der sein Land verlassen müsse: nur 30 kg mitnehmen dürfe. Ich versprach der Dame 100 Mark, wenn sie mich rechtzeitig benachrichtige, damit ich nicht in die Lüneburger Heide käme, welches das Reiseziel sein sollte. Das Elsaß sollte germanisiert werden, d. h. ganz mit altdeutschen angesiedelt werden. Selbst Prinz Heinrich hat zu einem Münsterer Marine-Offizier gesagt : «Das Elsaß muss gesäubert werden. Doch erstens kommt es anders, zweitens als man denkt. — Kehren wir zu den Ausgewiesenen zurück. Was diese Unglücklichen in den Lotterkasten angestellt, entzieht sich meiner Kenntnis. Wir hatten Deutsche im Lande, die sich an den Elsässern schwer versündigten, sie haben aber schon längst die Flucht ergriffen. Sehr niedergeschlagen ging ich nach Hause «Der schrecklichste der Schrecken, das ist der Mensch in seinem Wahn». d. h. wenn er Vernunft und Verstand verliert und sich nur von niedrigen Instinkten leiten lässt.

Elisabeth Esther Levy : TAGEBUCH EINER COLMARERIN WÄHREND DES WELTKRIEGES 1914-1918

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