Am 19 November, Gegen 7 Uhr abends kam ich an die Ecke der Kopfhausgasse und Bäckergasse. Was bot sich für ein Bild ? Alle Schaufenster des Hauses „Kegel“, heutiges Geschäft Felix Levy, waren eingeschlagen und die Waren weg. Ähnlich geschah es bei Wilnius, Meyer, Süssel, Kauffmann, Wolf, Knopf und Mandowsky. Letztere Haus wurde in Brand gesteckt. Ich sah, wie eine Frau auf dem Arme aus dem Geschäft eine Masse Waren vortrug. Aus dem Uhrengeschäft Schön in der Schlüsselstraße holte ein Soldat einen Schmuckgegenstand. Sein Kamerad bat ihn. Nichts zu nehmen Antwort : Tu sais, chacun son tour. (Jetzt ist die Reihe an uns).
Als ich die Leute aufmerksam machte, doch nichts zu nehmen, da dies doch einem Diebstahl gleiche, bekam ich zu Antwort : „Se namme noch emmer meh met, as sie g’brocht han.“ (Sie nehmen immer mehr, als sie brauchen)
Bald wurden an allen zertrümmerten Geschäften Posten mit aufgepflanztem Bajonett aufgestellt. Patrouillen durchziehen die Stadt.
Wie es heißt, soll sich schon von zwei Jahren ein Comité gebildet haben, das sich zur Aufgabe stellte, die deutschen Geschäfte zu zertrümmern. Noble Ausführer hat es sich nicht herausgesucht. Ich sah, wie beim Hause Knopf, jetzt „Villes de France“, so ein gemeiner Bengel von 16 Jahren einen Stein gegen ein prachtvolles Schaufenster warf und zertrümmerte. 20 der Anstifter sollen verhaftet worden sein.
Anmerkung der Redaktion: Es waren jüdische Geschäfte, die das Ziel der Hurra-Patrioten waren. In der Presse gibt es keinen Hinweis auf eine Verhaftung der Täter. Für die französischen Zeitungen, die über die Plünderungen berichteten, waren es Krauts, die es sich redlich verdient hatten. Die französische Besatzungsarmee ließ es geschehen. Die Dreyfus-Affäre offenbarte den Antisemitismus der meisten französischen Offiziere.
Elisabeth Esther Levy : TAGEBUCH EINER COLMARERIN WÄHREND DES WELTKRIEGES 1914-1918
